Autor: Manuel Stagars
Februar 2026

Stell dir vor, du lebst in einer Zeit, in der Bitcoin noch als Währung für Hacker und Kriminelle gilt, als Randphänomen, das seriöse Institutionen und Regierungen meiden. Plötzlich entscheidet sich eine kleine Schweizer Stadt, es für offizielle Zahlungen zu akzeptieren. Dieser mutige Schritt bewegt das sogenannte «Overton Window» für Bitcoin, das Spektrum dessen, was politisch und gesellschaftlich als akzeptabel gilt. Genau das geschah 2016 in Zug, und es hat die globale Debatte über Bitcoin über Nacht geprägt und verändert.  Bitcoin war früher undenkbar, heute mainstream. Schauen wir uns an, wie genau das passiert ist.

Doch zuerst, was ist das «Overton Window»? Der Begriff stammt von Joseph Overton, einem US-Politiker, und beschreibt den Rahmen akzeptabler Meinungen in der Öffentlichkeit. Er reicht von «undenkbar» über «radikal» bis «populär». Für Bitcoin galt das Fenster 2010-15 als sehr eng, denn Bitcoin war undenkbar für Institutionen und Regierungen, weil es mit Kriminalität assoziiert wurde. Ein Beispiel ist Mt. Gox, die damals grösste Börse für Bitcoin. 2014 stahl ein Hacker 850’000 BTC (damals ca. 450 Millionen US Dollar), auch heute noch der grösste Krypto-Diebstahl alle Zeiten. Dies zerstörte Vertrauen und führte zu Bankrott von Mt. Gox, und viele früher Anleger verloren alle ihre Coins. Ein weiteres Beispiel ist Silk Road, die Dark-Web-Plattform für Drogen und illegale Waren, die 2013 geschlossen wurde, und die damals die Hauptanwendung von Bitcoin als Zahlungsmittel darstellte. Dazu häuften sich Vorwürfe zu Geldwäscherei, und Regierungen wie die USA warnten vor Risiken, mit denen sich niemand ausser frühen Hardcore-Bitcoin-Fans, assoziieren wollte.

Um 2015 war Bitcoin also ein Tabuthema, radikal und riskant. Dann kam Zug ins Spiel. Diese kleine Hauptstadt des Kanton Zug mit rund 30’000 Einwohnern ist bekannt für ihre Berge, den See und, typisch schweizerisch, niedrige Steuern. Sie war damals nicht gerade als Tech-Mekka wie Silicon Valley bekannt, sondern eher als ein ruhiger Wohnort für Multimillionäre und Sitz internationaler Firmen wie Glencore, Siemens, Johnson&Johnson, Transocean und viele weitere. Doch dann wagte Zug einen grossen und unerwarteten Schritt: Am 9. Mai 2016 kündigte die Stadt an, Bitcoin für öffentliche Gebühren zu akzeptieren, speziell für Registrierungsgebühren in der Einwohneranmeldung bis zu 200 Schweizer Franken (damals 205 U.S. Dollar). Ab Juli 2016 wurde der Plan umgesetzt, in Partnerschaft mit Bitcoin Suisse, die die Zahlungen abwickelte. Es war ein Pilotprojekt, beschränkt auf kleine Beträge, aber weltweit der erste Fall, in dem eine Regierung Bitcoin offiziell annahm. Bürgermeister Dolfi Müller sagte damals: «Wir wollen uns als innovativer Standort positionieren.» Angedacht war dies ohne grosses Tamtam, sondern als praktischer Test. Doch es kam ganz anders.

Internationale Medien sogen diese News auf und überrannten Zug, und der beschauliche Schweizer Ort wurde über Nacht zum Global Player. NBC News schrieb von einem “Bitcoin Breakthrough” und berichtete: “Residents in Zug will be able to use the cryptocurrency for payments for some public services beginning July 1.” Fortune doppelte nach: “Municipal bosses in the Swiss town of Zug have decided to accept the bitcoin cryptocurrency for payments […].” Diese Berichte gingen um die Welt, von Europa bis Asien, und rückten Bitcoin ins Positive, das Overton-Window verschob sich von «kriminell» zu «innovativ».

Was war das Resultat für Bitcoin? Der Schritt der Stadt Zug normalisierte diese erste Kryptowährung und gab ihr eine Art Glaubwürdigkeit. Das Pilotprojekt zeigte auch, dass Bitcoin funktioniert, sicher, effizient, und ohne Katastrophe. Dies zog Firmen ins Crypto Valley. Bereits kurz vorher hatte sich die Ethereum Foundation in Zug angesiedelt, und nun wuchs die Region rasch zu über 1’700 Firmen. In den Medien wurde Bitcoin als seriöses Tool dargestellt, was Investoren beruhigte. Das war ein Katalysator für die Akzeptanz von Bitcoin, von «experimentell» zu «praktisch» zu «sinnvoll». Dazu kam, dass dies alles in der Schweiz geschah mit Schweizer Diskretion und Stabilität, was alles noch glaubwürdiger machte. Ohne Zug hätte dieser Shift länger gedauert oder hätte vielleicht gar nie stattgefunden, denn das Crypto Valley war damals der einzige Ort der Welt, in dem solche Dinge überhaupt denkbar waren.

Wo stehen wir heute? Im Jahr 2026 ist Bitcoin mainstream, traditionelle Investmentprodukte wie ETFs (2024 genehmigt) bringen Milliarden, Länder wie El Salvador machten Bitcoin sogar zur offiziellen Währung. Weltweit haben fast alle Regierungen eingeschwenkt und regulieren Cryptoassets statt diese zu verbieten, sogar die USA. Das Overton Window ist weit offen, und die Stadt Zug hat den ersten Stein gerollt. Ein kleiner Schritt mit grosser Wirkung.

Wenn du mehr über diese Pioniertat hören willst direkt von den Leuten, die dabei waren, schau dir den Kurzfilm «Die Stadt Zug zieht mit» auf www.cryptovalleypioneers.ch an. Auch die Interviews mit dem damaligen Bürgermeisters Dolfi Müller, dem amtierenden Bürgermeisters André Wicki und dem damaligen Stadtschreiber Martin Würmli erzählen von den Anfängen, den Risiken und wie die Stadt Zug im Jahr 2016 die Welt verändert hat.